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Akademie St. Paul - Reisen

Ortswechsel und Zeitsprünge


Bei den Sieben Schläfern


Auf der linearen Zeitachse bewegt man sich in der Linearität der Welt. Wer bewußt unterwegs ist, entdeckt dabei die Wirklichkeit des Geistes. So entsteht ein Zugang zur Logik der Freiheit. Und Zeit und Raum lassen sich im Horizont der Ewigkeit und der himmlischen Perspektiven durcheilen.


Der Palmsonntag ist ein geeigneter Tag, um zu einer Pilgerfahrt von Ephesus nach Patmos aufzubrechen. Das Thema der ersten Meditationsstunde lautet: der Einzug Jesu Christi auf einem Esel in das irdische Jerusalem (vgl. Mt 21,1-17). Der Weg Jesu führte durch die Karwoche hindurch zu seiner Auferstehung. Nach seiner Himmelfahrt ist er endgültig in der Herrlichkeit Gottes angekommen.


In einer zweiten Meditationsstunde kann der Weg des eschatologischen Christus in die vergängliche Welt angeschaut werden. Er ist der weiße Reiter auf dem weißen Pferd (vgl. Offb 21,11-25). Zu seinem Gefolge gehören die Pilger, die mit ihm unterwegs sind in das Jerusalem der Ägäis. Sie kommen mit dem Schiff am Mykaleberg vorbei, auf dem der persische Großkönig den Herrscher von Samos, Polykrates, kreuzigen ließ. Dem Berg der Kreuzigung gegenüber liegt die Insel Samos mit dem Tempel für Hera. In den Ruinen des Tempels wachsen Granatapfelbäume und Keuschlammsträucher. Der Granatapfel galt in der Antike als Frucht der Hera, der Gemahlin des Zeus. Der Keuschlammstrlauch wurde rituell benötigt, um das Wesen der Göttin alljährlich zu erneuern. Vor dem Hintergrund der olympischen Götterwelt glaubten die Christen an ihre endzeitliche Rückkehr in das himmlische Jerusalem. Die Herrlichkeit des einen Gottes und nicht der Olymp war ihr Ziel.


Wie im Himmel so auf Erden! Historisch gesehen kam es meist zu Katastrophen, sobald versucht wurde, das himmlische Jerusalem auf Erden zu installieren. Die kaiserliche Gewalt verfolgte die Montanisten in Kleinasien. Ihr geistliches Zentrum in Phrygien zerstörte eine byzantinische Soldateska im 6. Jahrhundert. Als die Wiedertäufer die Stadt Münster im 16. Jahrhundert zum Neuen Jerusalem erklärten, ermordeten die Repräsentanten von Kirche und Staat ihre Anführer. Noch heute sind die Körbe an der Kirche St. Lamberti zu besichtigen, an denen die zu Tode gequälten Täufer zur Schau gestellt wurden. Das Ende des Jan van Leiden und seiner Gefährten sollte alle abschrecken, sich auf das Gedankengut der Täufer einzulassen. Wie nahe beieinander sind Glaube und Unglaube, grauenvoller Tod und die Herrlichkeit Gottes!


Die Felsdecke in der Höhle der Johannesoffenbarung auf Patmos (vgl. Offb 1,8) hat einen Sprung, der in drei Linien verläuft. Die orthodoxe Frömmigkeitsgeschichte ist davon geprägt. Die Gläubigen halten ihren Daumen, Zeigefinger und Mittelfinger zusammen und recken sie hoch in den Anfang des Sprungs. Dann bekreuzigen sie ihren Leib, um so ihren Glauben an den einen Gott zu bezeugen, der sich in der christozentrischen Heilsgeschichte dreifaltig geoffenbart hat. Sie berühren zunächst ihr Drittes Auge, dann die Leibmitte und die Schultergelenke. Dies geschieht dreimal, im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.


Am Rande der offenen Höhle von Patmos ist die Annenkirche angebaut. Der Name der Mutter Jesu bedeutet Gnade. Diese Wirklichkeit beginnt in der Nähe der Selbstoffenbarung Gottes. In neutestamentlicher Perspektive geschah dies durch eine Zeichenhandlung Jesu Christi bei der großen Annenkirche in Jerusalem, die sich in der Nähe des Teiches Bethesda befindet. Hier ist der Ort der Heilserfahrung des Mannes, der schon achtunddreißig Jahre auf seiner Matte daniederlag, bis ihn das Wort Gottes, Jesus Christus, erreichte. Dadurch kam er neu zustande (vgl. Joh 5,1-9). Bis heute erklingt liturgisch das Wort des eschatologischen Christus in den Gemeinden der Ägäis und auf dem Festland.


Auf der Rückreise von Patmos kann man sich noch einmal klarmachen, was in den Kapiteln der Johannesoffenbarung thematisiert wird. Es geht um die Entbergung Jesu Christi aus der Geborgenheit Gottes in die Ungeborgenheit der Welt, um seine eschatologische Rückkehr aus der Ewigkeit in Raum und Zeit. Aus Gottes Wirklichkeit ereignete sich die Offenbarung Jesu Christi (vgl. Offb 1,1). Im Jerusalem der Ägäis erschien Jesus Christus auf Erden: in Wort und Ikone. Die Höhle von Patmos wurde zum Ort seiner mystischen Präsenz. Dort erlebt Johannes der Theologe die Nähe Jesu Christi.


In der christlichen Gemeinde wird bezeugt: Deinen Tod, o Herr verkünden wir, und deine Auferstehung preisen wir, bis du wiederkommst in Herrlichkeit. Möge auf einer neuen Erde der Glanz der Ewigkeit aufleuchten. Angesichts der göttlichen Herrlichkeit ist primär nicht Nah- oder Fernerfahrung angesagt, sondern Jetzterwartung.


Aus der bergenden Tiefe des göttlichen Geheimnisses erscheint das schöpferische Wort Jesu Christi in unserer Ungeborgenheit. Seine letzte Offenbarung ereignete sich im Jerusalem der Ägäis, auf der Insel Patmos. Von dort eilte das ewige Evangelium über die Brücke zwischen Orient und Okzident. Von den sieben Gemeinden im Westen Kleinasiens nahm es seinen Lauf in die ganze Welt. Wo das Evangelium Jesu Christi verkündet wird, entsteht heiliges Land. Denn Orte der Anbetung Gottes, des HEILIGEN, machen die Welt zu einer gesegneten Landschaft.


Um die Johannesoffenbarung zu übersetzen, muss man zwei Sprachen lernen, nämlich eine moderne Fremdsprache und die Sprache des antiken Menschen im hellenistischen Kleinasien. Dazu gehört nicht nur das Koine-Griechisch, sondern auch die Sprach- und Bilderwelt, die kulturell zitiert wird. Einflüsse aus dem ägyptischen, römischen, persischen und hebräischen Kulturkreis sind zu berücksichtigen. Das politische Selbstverständnis, der gesellschaftliche Kontext und die heiligen Schriften der verschiedenen Völker spielen eine Rolle. Das Wissen um archäologische Funde und topographische Fakten rundet den zu übersetzenden Text ab. So gerüstet wird es möglich, das Evangelium Jesu Christi in seinem zeitgeschichtlichen Kontext zu verstehen und in heutiger Sprache wiederzugeben. Hermeneutische Arbeit ist nötig. Manche Textstelle muss jedoch nicht besonders übersetzt werden. Es genügt zuweilen ein Fundstück und ohne große Mühe wird verständlich: Das, was im Text steht leuchtet unmittelbar ein. Wenn z.B. eine Statue mit einem Namen auf dem Oberschenkel gefunden wird, so wird daran deutlich, dass die Wiedergabe von Namen und Titel des wiederkehrenden Jesus Christus sich ebenfalls an einer solchen Stelle befinden (vgl. Offb 19,16).


Die große Basilika in Ephesus entstand über dem Grab des hl. Johannes, dem wir das letzte Buch der christlichen Bibel verdanken. Die Ruinen der antiken Stadt mit dem Tempel der Artemis und das Museum in Selcuk, dem modernen Ephesus, sind eine Reise wert.


Durch das Wirken des Heiligen Geistes kann die Johannesoffenbarung als ewiges Evangelium, das die Welt deutet und den Glauben an den auferstandenen Christus bezeugt, verstanden werden. Mit allen Sinnen sollte man sich daher vom Heiligen Geist ergreifen lassen (vgl. Offb 1,10), damit sich die erste Liebe erneuert (vgl. Offb 2,4-7). Die Gemeinde in Ephesus erhielt als erste das Sendschreiben von Patmos.


Der betende, im Wirkfeld des Heiligen Geistes kommunizierende Gläubige ist wie ein bräutlicher Mensch, der sich für die Erfahrung der Gegenwart und der Nähe des anderen öffnet. Um es mit den Worten der Johannesoffenbarung im Blick auf Jesus Christus zu sagen: „Der Geist und die Braut sprechen: Komm“ (vgl. Offb 22,17). Die Offenheit der natürlichen und der geistlichen Sinne ist die Basis glückender Kommunikation. Die Bausteine heißen: Hinhören, Hinschauen, Assoziieren, Handeln und Verantwortung übernehmen. In Glaube, Hoffnung und Liebe bittet der Betende:


Öffne meine Ohren, Heiliger Geist, damit ich deine Botschaft höre.

Öffne meine Augen, Heiliger Geist, damit ich deine Schöpfung sehe.

Öffne mein Gemüt, Heiliger Geist, damit ich deinen Willen erforsche.

Öffne meine Hände, Heiliger Geist, damit ich deine Freiheit begreife.

Öffne meinen Sinn, Heiliger Geist, damit ich deine Wege gehe.

Öffne meine Vernunft, Heiliger Geist, damit ich an Gott glaube.

Öffne meinen Mund, Heiliger Geist, damit ich Jesus Christus bekenne.

Öffne mein Herz, Heiliger Geist, damit ich deine Nähe fühle.


Der Heilige Geist ist Gott wesensgleich und HERR, die gleich ursprüngliche Vermittlung von VATER und SOHN, ihr WIR. So sind sie Eins. In diese Kommunikationsgemeinschaft wird der gläubige Christ mit hinein genommen. Wo, menschlich gesprochen, zwei sich einig sind, existiert ein Wir, nicht nur ein Du und ein Du. Einem solchen Wir bleiben Un- und Abergeister äußerlich.


Der Name der zweiten Stadt, die das Sendschreiben aus Patmos erreichte enthält die Wortwurzel für Myrrhe, die zur Leiberhaltung bei der Einbalsamierung nötig war (vgl. Joh 19,39). Der zweite Tod (vgl. 20,11) war für die Gemeinde in Smyrna kein Thema. Durch den Glauben an den auferstandenen Christus wurden die Höllenängste gebannt.


Ehreninschriften weisen auf eine florierende Stadt hin. Priester des römischen Kaiserkultes wurden rühmend erwähnt. Ebenso Damachares, der den Wiederaufbau der Stadt nach einem Erdbeben organisiert hatte. Der Schlussstein in einem Bogen der Kolonnadenstrasse ist mit dem Portrait der Kaisergattin Faustina geschmückt. Welcher Anspruch: Durch mich wird alles zusammengehalten!


Angesichts der Ruinen von Pergamon, der dritten Stadt des Sendschreibens an die christlichen Gemeinden, wird die Antike und die Gegenwart zugänglich (vgl. Offb 2,12-17). Die Oberstadt von Pergamon ist genauso sehenswert wie das Asklepieion. Der Pergamonaltar steht inzwischen in Berlin.


Die Ruinen des Tempels für die ägyptischen Gottheiten Serapis, Isis und Harpokratris in Pergamon sind höchst eindrucksvoll. Im roten Ziegelmauerwerk kann man sich gut vorstellen, wie der Kult des Serapis abgelaufen ist, der für viele religiöse Menschen attraktiv war. Durch synkretistische Aufklärungsprozesse hindurch entstand eine Form der Verehrung für die höchste Gottheit, die in sich ägyptische, römische und hellenistische Traditionen vereinte. Das Dasein des Menschen mit erhobenen, angewinkelten Armen vor dem Schöpfergott Ptah prägte das Gottesbild genauso wie die Verehrung des Zeus.


Wer vor der großen Kultstatue stand, vernahm durch den Mund des Priesters, was aus den Tiefen der Gottheit den Gläubigen zu verkünden war. Das Wort erklang aus dem Stollen, der in die Kultstatue führte. Der ägyptische und hellenistische Götterhimmel stand Pate für diese Religion. Das Wissen um das pharaonische Krönungsritual war genauso präsent, wie die uralten Mumifizierungsgesänge, die noch heute in der koptischen Kirche erklingen. Wie wird die Welt des Übergangs von der diesseitigen in die jenseitige Welt gestaltet? Die Priester wussten Bescheid.


Bis in die Gemeinde von Laodizea zeigt sich der ägyptische Einfluss. Für die Christen war Jesus Christus, der neue, ganz andere Pharao, der über Ober- und Unterägypten herrscht. Gemeint damit ist die Dimension der Entfremdung, in der man für fremde Herrscher pyramidale Denkmäler errichten muss und gezwungen wird, Vorräte für utopische Städte anzuhäufen.


Der Kultlauf des Pharao, durch den er für die nächsten dreißig Jahre seine Herrschaft legitimierte, wird in der Johannesoffenbarung zitiert. Nun aber ist Jesus Christus der Herrscher über alle Formen der Entfremdung (vgl. Offb 19,15; Ps 2,8): „Alle die siegen und in ihren Taten meinen Willen bis zum Ende erfüllen, diese werden über die Heidenvölker herrschen mit eisernem Zepter und sie zerschlagen wie Tongeschirr; und ich werde ihnen diese Macht geben, wie auch ich sie von meinem Vater empfangen habe.“ (vgl. Offb 2,26-27).


An dieser Herrschaft nehmen alle teil, die an Jesus Christus als den Auferstandenen glauben. Wie nichtig hingegen ist das politische Konzept des römischen Kaisers Domitian, der sich in Ägypten als Pharao verehren ließ. In der Oase Dush kann man das noch heute sehen.


In der Gemeinde von Thyatira, die vierte Stadt des Sendschreibens, trieb die Pseudoprophetin Isabel ihr Unwesen (vgl. Offb 2,18-29). Lydia, die vom Apostel Paulus in Philippi getauft worden war, steht für den gesunden Kern der Gemeinde. Ihr Name ist der Inbegriff für das wahre Lydien. Analog zur Bavaria oder Germania repräsentiert sie das christliche Lydien, nicht die Tücke und Gewalt in der Geschichte Lydiens.


Die Gemahlin des Lyderkönigs Kandaules soll wunderschön gewesen sein, so berichtet Herodot. Der König wollte seinem Leibwächter Gyges zeigen, wie stolz er auf sein Schmuckstück war. Es kränkte die Königin, als sie merkte, dass Gyges sich in ihrem Schlafzimmer versteckt hatte. Sie stellte ihn vor die Wahl: Entweder du wirst getötet oder du heiratest mich und wirst anstelle von Kandaules der neue König in Lydien. König Gyges wurde namensgebend für die schreckliche Macht Gog, von der im Koran und der Johannesoffenbarung die Rede ist (vgl. Offb 20.8). Ein Wall aus Gold und Silber, aus Geld und Waffen zeigt die Macht von Gog.


Die Aggressivität von Gog wird am Überfall auf die Bewohner von Kolophon deutlich. Durch die Pferdezucht und die Produktion von Kolophonium waren sie so reich geworden, dass sie in parfümierten Gewändern durch ihre Stadt stolzierten. Auf ihrem Gebiet lag das Orakel von Klaros mit einer Fülle von Statuen.


In Sardes, der fünftes Stadt im Sendschreiben von Patmos, gab es eine christliche Gemeinde, die in einer multikulturellen Welt ihr eigenes Profil hatte (vgl. Offb 3,1-6). Doch viele Gläubige waren dem Zeitgeist erlegen.


Die Götter der Antike sind Inbegriffe überindividueller, mentaler Systeme, die sich entwickeln und anpassen können. So lässt sich problemlos die anatolische Muttergöttin über die hethitische Kubaba und die phrygische Kybele bis zur Artemis von Ephesus transformieren, dem Inbegriff des Erfolgs in der antiken Sklavenhaltergesellschaft. Mitten in solche weltanschaulichen Prozesse hinein wird das Evangelium Jesu Christi verkündigt. In Phrygien und Lydien wurde in apostolischer Zeit die Artemis und die Kybele verehrt, wie der Tempel in Sardes und der mit feinen Reliefs verzierte Kultschrein der Kybele beweisen, der sich jetzt im Museum von Manisa befindet. Der prächtige Repräsentationsbau in Sardes ist den heimischen Göttern und den selbstherrlichen Kaisern gewidmet. Schon von weitem leuchtet das römische Prunkgebäude am Anfang der Königstrasse, die bis in die Tiefen des Iran führt.


Zwischen den Pfeilerresten der Johannesbasilika in Philadelphia, der sechsten Stadt des Sendschreibens, liegen Marmorfragmente, die auf den Glauben der Christen an den auferstandenen Christus hinweisen. Grabplatten in armenischer und griechischer Schrift machen deutlich, welche Christen hier lebten. Auf einem Sarkophag ist von einem Apollos die Rede. Der weit verbreitete Name erinnert an Apollos, von dem der Apostel Paulus in seinem Brief an die Korinther schreibt, dass es in einer christlichen Gemeinde letztlich nicht um Paulus, Petrus oder Apollos gehe, sondern Christus sei die Mitte der Gemeinde. Durch ihn allein bleibe die Gottesbeziehung lebendig (vgl. 1 Kor 3,22). Der Brief endet mit dem Wort Maranatha – Unser HERR komm! (vgl. 1 Kor 16.22). Und so hört auch die Johannesoffenbarung auf: „Amen, komm HERR Jesu!“ (vgl. Offb 22,20). In seiner Nähe endet die alte Welt und das Paradies fängt an (vgl. Joh 20,16-17). Weintraube und Granatapfel weisen auf die himmlische Welt hin. Durch Christus ist der Weg der Rückkehr in die Herrlichkeit Gottes eröffnet.


Wer in der Karwoche auf den Spuren der sieben Gemeinden in Kleinasien unterwegs ist sollte am Karsamstag im Morgengrauen durch den Friedhof von Hierapolis gehen. Vorbei an Sarkophagen, Titulus- und Tumulusgräbern führt der Weg bis zum Martyrion des hl. Philippus hoch. Auf die vierzehn Säulenstümpfe stellen sich manchmal Pilger die bereit sind auf ihre Weise den Himmel und die Erde zu verbinden. Sie sind wie die Säulen, von denen in der Verheißung an die Gemeinde in Philadelphia die Rede ist. (vgl. Offb 3.12) Wie für den gerechtfertigten Schächer am Kreuz gilt für sie das Wort Jesu: „Heute noch wirst du mit mir im Paradiese sein.“ (vgl. Joh 23,43)


Christen bezeugen den einen Gott: im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Wer auf diesen Namen getauft, ist gibt Gott die Ehre und keiner anderen Gottheit. Nicht mehr um das Eigenlob des Stifters wie an den Säulen des Tempels in Euromos, geht es, sondern um das Lob Gottes, der Himmel und Erde erschaffen hat. Auf den Tempelsäulen sind Namen eingeritzt. Eine Tryphäna wird erwähnt, ein Name der auch im Römerbrief vorkommt (vgl. Röm 16,12).


An Quellen errichtete man Heiligtümer, über Erdspalten erbaute man Orakelstätten. Propheten, so hießen die Priester des Apoll verkündeten, was aus der Tiefe von Mutter Erde nach oben kam. Sie formulierten, was in Zukunft praktisch zu tun sei. Ratsuchende, die nach Delphi, Klaros oder Didyma kamen, erhielten meist mehrdeutige Orakelsprüche.


Die antike Orakelwelt in Hierapolis, Didyma und Klaros wurde im Laufe der frühen Kirchengeschichte transformiert. Nicht mehr Apoll, der Götter süße Mund, sondern Christus, das WORT Gottes, wird nun verehrt. Auf seinem Oberschenkel steht: König der Könige, Herr der Herren (vgl. Offb 19,26). Die Namen auf den Oberschenkeln der Heroen und Götter verblassen im Lauf der Geschichte.


Die Propheten des Apoll wurden durch christliche Propheten und Prophetinnen abgelöst, denen das Charisma geistgewirkter Weissagung zukommt (vgl. 1 Kor 12,26). Nicht mehr die Dämpfe aus den Erdspalten, Sümpfen und heißen Quellen von Mutter Erde bzw. der phrygischen Kybele, sondern das himmlische Jerusalem wird zur geistigen Mutter.


Die christliche Prophetie hingegen thematisiert die Zukunft der Gemeinden und verkündet Jesus Christus, der in der Herrlichkeit Gottes lebt. Er lädt die Gemeinde in Laodizea dazu ein, in Zeit und Ewigkeit mit ihm an seinem himmlischen Mahl teilzunehmen, so der erste Teil der Verheißung an die siebte Sendschreibengemeinde (vgl. Offb 3,20).


Der zweite Teil der Verheißung an die Gemeinde von Laodizea wird von dem kultur- bzw. geistesgeschichtlichem Hintergrund deutlich, auf den angespielt wird. Nach der jüdischen Tradition gründet die Welt auf dem Ewen-schetija, dem Stein der Einheit von Vater und Sohn. In der christlichen Tradition steht dafür der Gnadenstuhl, der Ort der Offenbarung des göttlichen Vaters, der seinen Sohn präsentiert.


Nach der römischen Rechtsordnung wird ein Kind gleichsam zweimal geboren: physiologisch durch seine natürliche Mutter und gesellschaftlich durch die Akzeptanz des Vaters, der das Kind als sein Kind legitimiert, indem er es rituell auf seinen Schoß setzt. Die entsprechende dramatische Variante bietet der griechische Dionysosmythos. Seine natürliche Mutter stirbt bei seiner Frühgeburt und das Kind wird durch den Willen des obersten Olympiers gerettet. Der Schenkel des Zeus ist für Dionysos überlebensnotwendig. Wie ähnlich und unähnlich sind Geburtsvorgänge, die traditionell konzipiert sind.


Bei der Verheißung an die Gemeinde in Laodizea wird die Gemeinde in einem geistlichen Geburtsvorgang mit hineingenommen, durch den ein Herrschaftswechsel angezeigt wird. Der wiederkehrende Christus spricht: „Wer siegt, darf mit mir auf meinem Thron sitzen, wie auch ich gesiegt und mich mit meinem Vater auf seinen Thron gesetzt habe. Wer ein Ohr hat der höre, was der Geist den Gemeinden sagt.“ (vgl. Offb 3,21-23).


Letztlich sollen sich Christen an der himmlischen, geistlichen Wirklichkeit orientieren und nicht an der gegenständlichen, vergänglichen Welt. Im Geist habt ihr begonnen, im Fleisch – mit den Mitteln der Vergänglichkeit – wollt ihr euer Leben vollenden? (vgl. Gal 5,16) „Wenn wir durch den Geist leben, dann wollen wir dem Geist auch folgen.“ (Gal 5,25). Und im selben Brief schreibt Paulus an die Galater, die keltischen Stämme in Kleinasien: „Wer auf das Fleisch sät, wird vom Fleisch Verderben ernten; wer aber auf den Geist sät, wird vom Geist ewiges Leben ernten.“ (Gal 6,8)


Auf einer gläsernen Aussichtsplattform in Ulubey schaut der heutige Besucher in die Tiefe der phrygischen Mutter Erde. Wie im parallelen Banaz Canyon wird anschaulich: Je mehr sich die mütterliche Erde öffnet, umso intensiver kann sich die himmlische Mutter, das neue Jerusalem herabsenken. So ist es nicht verwunderlich, dass sich die ersten Christen in solche Gegenden zurückgezogen haben, um die Herabkunft des himmlischen Jerusalem zu erwarten.


In der Enkelgeneration von Johannes dem Täufer entstanden mitten im Land der phrygischen Muttergottheit Kybele jene Gemeinden an die der Apostel Paulus schreibt: „Unsere Mutter ist das himmlische Jerusualem“ (vgl. Gal 4,26). Er war durch galatisches und phrygisches Land gezogen (Apg 16,6; 13,14-52). Quer durch Phrygien zieht sich das Wegenetz der Seidenstraße. Bei Philomelium (türk. Aksehir) lief eine nördliche Route am Banaz Canyon vorbei, an dessen Rändern die antiken Städte Flaviopolis – benannt nach dem Kaisergeschlecht der Flavier - und Sebaste ( griech. Sebastos, lat. Augustus) lagen, bis nach Smyrna ans Meer. Eine südliche Route zweigte nach Antiochia (türk. Yalvac) ab, führte nach Laodizea und schließlich in die Hafenstadt Ephesus.


Der Banaz-Canon ist ein Symbol für die sich offenbarende Mutter Erde. Nicht ein kleiner Erdspalt, wie in Delphi, sondern die ganze Landschaft ist ein einmaliger, großer Kultplatz. Hier, im phrygischen Kernland, orientierten sich die eschatologischen Christen nicht mehr an Kybele, sondern an ihrer neuen Mutter, dem himmlischen Jerusalem (vgl. Gal 4,4). Wie die Höhle von Manresa in der Schlucht des Cardoner zum Ort der Erleuchtung für Ignatius von Loyola wurde, so erlebten die montanistischen Christen im Banaz-Canyon die Herrlichkeit Gottes auf Erden.


Die Votivreliefs zu Ehren der anatolischen Mondgottheit MEN bei Yalvac beeindrucken die Besucher noch heute. Das große Bergheiligtum von Antiochia, das später zur Hauptstadt von Pisidien wurde, ist ein guter Platz, um den Wandel zu verstehen, den das Christentum mit sich brachte. Nicht mehr die Gestirngötter wurden verehrt, sondern der Sternenhimmel gibt nun den Kontext für die Verehrung der apokalyptischen Frau ab, die den ewigen Messias geboren hat. Weder die ROMA noch die Kybele oder sonst eine Göttin zentrierte mehr die gesellschaftlichen bzw. kosmischen Konstellationen, sondern am Himmel erschien nach dem Glauben der eschatologischen Christen ein großes Zeichen am Himmel: „Eine Frau, umgeben von der Sonne, den Mond unter ihren Füßen, und ein Kranz von 12 Sternen auf ihrem Haupt.“ (Offb 12,1). Auf dem Kultsymbol der anatolischen Mondgottheit Men steht nun die apokalyptische Frau. Im Laufe der Frömmigkeitsgeschichte wurde sie mit Maria, der Mutter Jesu Christi, identifiziert.


Die monotheistische Weltanschauung mit ihrem Glauben an die Transzendenz Gottes unterscheidet sich von einer Religion der Binnentranszendenz. Denn Unendlichkeit ist nicht identisch mit Ewigkeit. Was am Himmel sichtbar ist, sei es natürlich oder kulturell inszeniert, ist nicht mit der Wirklichkeit Gottes im Himmel gleichzusetzen.


Beziehungsfähige, vernünftige Menschen akzeptieren Verschiedenheit. Sie achten die Freiheit der anderen. Wird der Kosmos als Uni - Versum gedeutet, dann findet die Frage nach Gott eine Antwort. Gott ist der Eine, unvergleichliche, das restlos verschieden Sein im Sein, nicht nur das Sein im Sinne der ontologischen Differenz. Synkretisten hingegen plädieren für immer mehr Gleichheit. Ideologisch gesehen neigen sie daher dem Monismus zu. Die restlose Verschiedenheit des einen Gottes wird zu nivellieren versucht. Anbetung wird sinnlos, welcher Irrtum!


Über das Meer waren einst die römischen Eroberer gekommen. An den Küsten der Ägäis tauchten die apokalyptischen Tiere auf, verkörpert durch die römischen Cäsaren (vgl. Offb 13,1). Mit ihren Kriegsschiffen herrschten sie über die Meere. So ließ sich Kaiser Augustus in heroischer Nacktheit feiern. Er hat das Steuerruder in der Hand. Und die Erde mit ihrem Füllhorn steht ihm in seiner Aureole zur Verfügung.


Wer sich wie Kaiser Nero als Kosmokrator verehren ließ - eine Kolossalstatue von ihm stand in seinen Gärten, wo später das Kolosseum errichtet wurde – ist nicht der Pantokrator, der in Gottes Namen die ganze Schöpfung durchwirkt. Christus stammt aus der ungeschaffenen Wirklichkeit Gottes und ist in Macht und Ohnmacht gegenwärtig. Totalitäre Systeme und entsprechende Dynamiken sind prinzipiell in Frage zu stellen. Denn sie können ihrem Anspruch das ganze zu repräsentieren nicht gerecht werden. Nur wo Offenheit wesentlich ist kommt alles in Ganzheit und Wahrheit zustande


Der Konflikt zwischen der frühen Christenheit und der römischen Staatsmacht spitzte sich unter dem römischen Kaisers Domitian in Kleinasien zu. Er verbannte Johannes den Theologen auf die Insel Patmos und ließ die Christen in den sieben kleinasiatischen Gemeinden verfolgen. Der christozentrische Monotheismus und der sich selbst verabsolutierende Pantheismus der römischen Caesaren standen einander gegenüber. Der Kampf gegen das Christentum spiegelt sich in der Johannesoffenbarung wieder, die auf allen Ebenen den Unterschied zwischen dem Geist Jesu Christi und den Machenschaften des Antichrist offenbar macht.


Die Johannesoffenbarung ist das Textbuch für die umfassende Aufstellung der Menschheit im Horizont der Ewigkeit und des göttlichen Heilsgerichts, das durch Jesus Christus repräsentiert ist. Die apokalyptische Zahl 666 (vgl. Offb 13,18) lässt sich in kabbalistischer Tradition in unterschiedliche kulturelle Horizonte übersetzen. Ursprünglich spielt der Zahlenwert wohl auf die Macht der Pharaonen an, die mit ihrer Streitmacht die Stämme Israels nicht in die Freiheit ziehen lassen wollten. Doch Ross und Reiter versanken im Schilfmeer (hebr. sus, Zahlenwert 666, dt. Pferd, Renner). Der Apostel Paulus hatte bei Susita bzw. Hippos sein Erleuchtungserlebnis. Mit Gewalt können die Christen nicht an ihrem Glauben gehindert werden. Der Apostel ließ sich in Damaskus taufen. Denn Christus war ihm als der zielführige Weg erschienen.


Im hellenistischen Kulturkreis steht die Zahl 6 für die Göttertrias Apoll (1), Artemis (1) und Dionysos (4). Die gezählten Anfangsbuchstaben der Götternamen ergeben den Zahlenwert 6. Die überindividuellen Grundkräfte bestimmten die Welt der Orakel, der Wirtschaft und des Theaters. Nach manchen Exegeten steckt hinter dem Zahlenwert 666 eine Anspielung auf Kaiser Nero, der in Rom eine erste Christenverfolgung inszeniert hatte.


Modern gesprochen: der Zahlenwert 666 (www - waf,waf,waf, dh. dt. und, und, und) macht darauf aufmerksam, dass die virtuelle Welt eines weltweiten Netzwerkes das Tor zu einer Sucht sein kann, in der sich das Du eines Menschen verliert. Anstatt sich realistisch als diesseitiges und jenseitiges Wesen zu begreifen, reduziert sich der Nutzer auf einen Funktionsträger von unendlich vielen Informationen. Der Horizont der Ewigkeit wird durch eine unendliche Binnentranszendenz ersetzt. Welche Illusion! Eine Scheinwelt tritt anstelle der Wirklichkeit. Interessant ist, dass es in der Mönchsrepublik Athos einige Klöster gibt, in denen die Computerwelt prinzipiell nicht zugänglich ist. Andere Klöster hingegen nutzen die „Teufelswelt“ für ihre Zwecke und holen sich damit Gelder aus Brüssel, um ihre Klöster zu restaurieren. Man finde das Maß!

Organisation

Die Akademie St. Paul hat zur Zeit ca. 200 Mitglieder. Auf der jährlichen Mitgliederversammlung wird das jeweilige Präsidium entlastet und gewählt. Zur Zeit setzt sich das Präsidium aus folgenden Personen zusammen:

 

  • Präsident Dr. Dr. Paul Imhof
  • 2. Vorsitzende: Edna Li
  • Kassenführerin Michael Gmelin
  • Schriftführer und Studienleiter: Dr. Hans-Joachim Tambour
  • Studienleiterin: Dr. Johanna Imhof

 

 

Die einzelnen Kurse und Reisen werden von Geschäftstellen eigenständig organisiert, durchgeführt und verantwortet.

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